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Interview mit Otto O. Kurbjuweit "Man muß Kompaktanlagen das Odium des Kinderkarussells nehmen"02.04.2026 Wer sich ernsthafter mit Modellbahn beschäftigt, insbesondere mit betriebsorientierter Modellbahn, dem ist Otto O. Kurbjuweit, kurz OOK, sicher bekannt. Er ist Autor zahlreicher Artikel und Bücher, war Gründungsmitglied und erster Präsident des Freundeskreis Europäischer Modellbahner (FREMO) und betreibt das Forum MAPUD. Dazu ist OOK Chefredakteur des Anlagendesign-Journals (ADJ). Vor allem aber ist Otto bekannt für eine klare Meinung, stets unterhaltsam und griffig formuliert, dabei aber immer anregend. Umso mehr freut es mich, ihn hier auf meinem Spur N Blog begrüßen zu dürfen. Anlass war ein Review meiner Anlage "Blautopf" in seinem neuesten Buch "OOKs Kompaktanlagen", was mich auf die Idee brachte, ihn mit ein paar Fragen zu löchern. Hier das Ergebnis: Launiges über HULDs, Löwenbabys, Dixi-Klos ... und natürlich die Modellbahn! |
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Otto Kurbjuweit bei der Vorstellung seines neuen Buches am 14.03.2026 bei Modellbahn Kramm in Hilden |
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Quicklinks www.modellbahn-traumanlagen.de: |
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Frage: Otto, Hand aus Herz: Wie hoch war dein Puls, als du zum ersten Mal meine Website besucht hast? Das Wort "betriebsorientiert" wird hier bekanntlich nicht gerade groß geschrieben. Und die berüchtigte Kreisfahrerei feiert hier auch fröhliche Urständ. Antwort: Mein Puls ist medikamentös eingestellt, da lässt sich nichts ablesen. Die Entwürfe auf deiner Seite, die in Opposition zu meinem Verständnis von Modellbahn stehen, habe ich erst später entdeckt. Ich weiß nicht mehr, was ich bei der Suchmaschine eingegeben hatte, was mich directemang zur Blautopf-Anlage brachte. Da fährt nix im Kreis, da ist gestalterisch nichts zu meckern, und der Betrieb, der da per Video gezeigt wurde, wärmte mein Herz. Frage: Dass meine Blautopf-Anlage den Weg in dein Buch gefunden hat, nehme ich als dickes Kompliment! Auch wenn ich herzhaft lachen musste darüber, dass dir meine Bezeichnung "niedliche Kleinanlage" nicht gefallen hat. Warum darf eine Anlage nicht "niedlich" sein? Antwort: Ich bin von Hause aus Linguist. Das verschweige ich meist, aber hier muss ich das mal vorholen. Als solcher weiß ich, dass bestimmte Vokabeln zu bestimmten Stilebenen und Sachfeldern gehören und anderswo nicht so passen. Ich sag ja auch nicht geil oder krass, wenn es um eine Anlage oder eine gute Lokomotive geht. Und „niedlich“ passt bei der Beschreibung von kleinen Mädchen, Katzen oder Löwenbabys im Zoo. Oder auch bei den Möbeln in einer Puppenstube. An einer Eisenbahn ist nichts niedlich, das ist ein zweckdienliches Artefakt, das im Einzelfall auch eine gewisse Ästhetik haben kann, aber niedlich? Nee, echt nicht.
Frage: Gleich im Editorial titelst du, ich zitiere wörtlich: " Antwort: Ich habe ja stets gesagt, dass ich, wenn irgend möglich, immer eine RAWE-Anlage bauen würde. (Anmerkung: RAWE = ringsum an der Wand entlang.) Und auch gebaut habe. Die setzt aber ein extra Eisenbahnzimmer voraus, das heute immer weniger Menschen zur Verfügung haben. In dem Fall macht die Kompaktanlage Sinn. Aber mit Kompaktanlagen ist es wie mit Beton: Es kommt drauf an, was man draus macht. Und da muss man gestalterisch und konzeptionell schon ein paar Kohlen mehr auflegen, als bei einer gestreckten Anlage, wenns was Gescheites werden soll. Frage: Nun hat sich mir als N-Bahner beim Lesen deines Buches schon die Frage gestellt, ob diese Kompaktanlagen-Diskussion nicht nur eine Diskussion unter Freunden größerer Spurweiten ist. Denn ein Hauptvorteil von kleinen Spurweiten besteht ja gerade darin, dass auf einer kompakten Eisenbahnplatte fast alle Szenarien umsetzbar sind. In Spur N kriegst du auf 2 x 1 Meter eine ganze Menge unter, egal ob großstädtischer Bahnhof, lange Züge auf langen Paradestrecken, betriebsintensives point to point Rangier-Thema oder ländliche Nebenstrecke. Das gilt erst recht auf 4 x 8 ft., ein populäres Maß bei unseren Freunden im US-amerikanischen Raum. Man unterliegt in Spur N nicht so stark dem Zwang, aus der Not eine Tugend machen zu müssen nach dem Motto: Ich habe wenig Platz, also mache ich halt das übliche 08/15 Bimmelbahn-Oval. Ich finde sogar, Spur N Anlagen kommen auf kompakter Fläche besonders gut zur Geltung. Auf großen Flächen sehen die immer etwas verloren aus. Antwort: Endlich mal eine Frage, wo ich dir widersprechen kann! Ich fange mal mit dem Schluss an: Was kann einer Modellbahnstrecke besseres passieren, als in der Landschaft verloren auszusehen!? Das ist doch das top Wünschenswerte. Die Rotsteinbahn in meinem "Grünen Buch" ist auch 4‘ x 8‘ groß, zu gut deutsch: 1,22 x 2,44 Meter. Da haben wir einen untertägigen Fiddleyard, einen dreigleisigen Zwischenbahnhof und einen Endbahnhof, Gesamtfahrstrecke 13,5 Meter. Das wäre auch als N-Anlage eine tolle Sache. Aber, wir haben bei der Buchvorstellung in Hilden ein ca. 1:2 Spantenmodell dieser Anlage vorgestellt, dessen Trassen auf einen Gleisplan mit Minitrixgleisen optimiert sind. Kann man sogar kaufen. Da kannst du mal wieder sehen, wie gut ich zu meinen Feinden bin! *Lach* Frage: Stichwort betriebsorientierte Modellbahn: Was heißt das? Fahren nach Fahrplan? Richtige Signalisierung? Wagons be- und entladen? Fiddleyard als Must-have? Antwort: Von einem Briten soll der Spruch stammen: Auf einer deutschen Modellbahn fahren irgendwelche Züge nirgendwohin. Der Junge hat nicht ganz Unrecht, die Briten sind uns da ein Stück voraus. Das Wichtigste ist das point-to-point Konzept, und zwar pur, ohne Bypasses, Kehrschleifen oder Verteilerkreise. Ein OFF ist wichtig, sei es nun Schattenbahnhof, Zugkassette oder Fiddleyard. Fahren nach Fahrplan erhöht den Reiz der Sache ungemein. Wer es nicht kennt, vermutet das Gegenteil. Am besten ein simpler handgezeichneter Bildfahrplan ohne Zeiten, der aber zeigt, wo die Züge kreuzen. Das verdreifacht den Reiz nochmal. Signalisierung ist chic, aber optional. Trapeztafeln können schnell gebastelt werden, brauchen weder Kabel noch Dekoder, sind vorbildgerecht und bringen System in die Zugkreuzerei. Be- und Entladen der offenen Wagen ist optional, erhöht aber das Gefühl, bei einer richtigen Eisenbahn beschäftigt zu sein, die etwas transportiert. Frage: Machst du einen Unterschied zwischen betriebsorientiert und vorbildorientiert? Antwort: Das gibt es einen Überlappungsbereich, denn Betrieb soll ja auch vorbildorientiert sein, ist sozusagen immanenter Bestandteil der Vorbildorientiertheit. Ich kann aber auch einer Anlage ein Betriebskonzept überstülpen, das das Vorbild so nicht kennt. Andererseits kann ich bestimmte Züge nach den Bildungsplänen des Vorbildes zusammenstellen und sie auf einem Hundeknochengleisplan sinnfrei herumdüsen lassen. Ich versuche stets, beide Aspekte in eine Anlage zu integrieren. Frage: In deinem Buch sprichst du auch vom "modellbahnerischen Mainstream". Würdest du das Miniatur-Wunderland in Hamburg dazu rechnen? Antwort: *Lach* Das Miwula ist überhaupt keine Modelleisenbahn! Und will auch keine sein. Die haben sich ja auch kurz nach dem Start von Modellbahn-Wunderland in Miniatur-Wunderland umbenannt. Das Miwula ist ein Sammelsurium von auf Hingucker getrimmten Einzelszenen aus aller Welt, da ist die Eisenbahn ein Motiv unter vielen, gleichberechtigt neben Hafen, Feuerwehr und Fußballstadion, Autorennen und Rockkonzert mit hundert Dixi-Toiletten. Nur glauben leider immer noch viele Modellbahner, das Miwula sei eine Modellbahn, mehr noch, es sei die Modellbahn schlechthin. Frage: Was ist für dich eine schöne Modellbahn?
Antwort: Das ist die schwierigste Frage. In den Youtube-Videos heißt es immer „Die schönsten Anlagen der soundso-Ausstellung“. Aber schön ist für mich keine Kategorie für eine Anlage. Der altbekannte Spruch, dass Schönheit im Auge des Betrachters liegt, gilt hier verstärkt. Auf der kürzlich stattgehabten ONTRAXS hat einer meiner Mitarbeiter eine Serie von eindrucksvollen Anlagenfotos gemacht, die durch Abwesenheit vom Klimbim und HULD-Elementen die Schönheit der dargestellten Landschaft voll zur Geltung kommen lassen. Dann empfinde ich auch die Anlage als schön. Frage: Was ist für dich ein guter Gleisplan? Antwort: Das ist wiederum die leichteste Frage. Gut ist ein Gleisplan dann, wenn er die Simulierung eines vorbildähnlichen Betriebs bzw. eines Ausschnitts daraus ermöglicht, wenn er zumindest in Ansätzen eine Illusion von Entfernung erzeugt, also insgesamt das Gefühl entsteht, dass die Züge einem bestimmten Ziel zustreben und nicht einfach nur herumfahren. Last not least: Dass es genügend Rangieraufgaben gibt. Nicht zu verwechseln mit Rangiermöglichkeiten! Frage: Stichwort künstliche Intelligenz: Glaubt du, dass KI auch unser Hobby in Zukunft beeinflussen wird, etwa bei der Gleisplanung? Antwort: Ich halte KI insgesamt für eine gefährliche Sache, dennoch beantworte ich deine Frage mit ja. Das ist sicher ein guter Anwendungsbereich. Vor allen Dingen einer, der keine Arbeitsplätze gefährdet. Außer meinen natürlich ... ;-)
Frage: Abschließend: Dürfen wir in absehbarer Zukunft auch einen Artikel von dir erwarten, Überschrift " Antwort: Das ist faktisch längst passiert, nur ohne diese Überschrift. Gerade in meinem "Grünen Buch" bleibt zum Beispiel bei der Fensterbachtalbahn-Anlage, die auf der Basis eines NOCH-Fertiggeländes entstanden ist, trotz aller Umbauten bis zuletzt die Möglichkeit, Runden zu drehen und dies zur Verlängerung der Fahrzeit einzusetzen. Und bei der Rotsteinbahn gibt es die Möglichkeit, im Kreis zu fahren, wenn einem danach ist, aber die Strecke auch als Spirale point-to-point zu betreiben. Das ist der große Trick dieser Anlage. Otto, vielen Dank für deine Antworten!
"OOKs Kompaktanlagen" ist im März 2026 erschienen in der Edition Jaffa. |
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